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“Man muss sich fragen, ob es sinnvoll ist, jeden Trend mitzumachen”

05/2009

Trendforscher haben Hochkonjunktur. Auch GDI-Chef David Bosshart kann sich momentan über mangelnde Arbeit nicht beklagen. An der GfM-Markteting-Trend-Tagung vom 6. Mai 2009 im Zürcher Kongresshaus referiert der promovierte Philosoph über neue Entwicklungen in wirtschaftlich schwierigeren Zeiten. Mit „persönlich blau“ hat Bosshard bereits im Vorfeld über mögliche Wege aus der Krise gesprochen: „Wir müssen uns über ein halb volles Glas freuen lernen.“ Das Interview:

Sie reisen sehr viel in der Schweiz und Europa herum. Ist das Gefühl für die Krise bei den Menschen schon angekommen?
– Nein, überhaupt nicht. Die Geschichte lehrt uns, dass wir nichts aus der Geschichte lernen. Das Sprichwort “Aus Fehlern wird man klug” ist eindeutig falsch. Wenn eine Krise eintritt, wird sie meist sehr spät erkannt. Ein Beispiel: Franz Kafka, einer der sensibelsten Schriftsteller und Zeitdiagnostiker, hat 1914, am Tag, als Deutschland Russland den Krieg erklärte, in sein Tagebuch notiert: “Deutschland erklärt Russland den Krieg.” Im zweiten Satz stand dann: “Am Nachmittag gehe ich in den Schwimmunterricht.” Damit war das Thema erledigt. Die gleiche Mentalität stelle ich momentan in sehr vielen Branchen und sehr vielen Ländern fest. Die Menschen klammern sich immer noch an die Gegenwart und erkennen gar nicht, welchen Kräften wir momentan ausgesetzt sind. Dies gilt auch für Wirtschaft und Politik. Anstatt eine tragfähige Strategie zu entwickeln, sucht man immer noch nach Sündenböcken für das ganze Desaster. Dazu tragen auch die Medien ihren Teil bei.

Glauben Sie, dass es sich bei dieser Krise um eine der schwersten überhaupt handelt?
– Davon bin ich überzeugt, weil momentan unterschiedliche Krisen aufeinanderprallen. Erstens steht die Motivationskrise im Vordergrund. Bei uns ist ja alles schon da — warum soll man sich anstrengen, wenn das einzige verbleibende Ziel nur darin besteht, eine weitere Million ins Trockene zu bringen? Wir sind alt, satt und dekadent. Ganz anders beispielsweise in der Türkei. 45 Prozent der Bevölkerung sind zwischen 18 und 34 Jahre alt; junge Menschen haben nichts zu verlieren, sie wollen die Veränderung. Zweitens macht sich eine Lifestylekrise bemerkbar. Die Globalisierung unseres europäischen Lebensstils ist ja aufgrund fehlender Ressourcen gar nicht möglich, geschweige denn die des American Way of Life. Schliesslich erleben wir drittens eine Führungskrise. Nehmen Sie nur Finanzinstitute, welche mit Schlagworten versuchen, ihre wahren Probleme wegzudiskutieren. Das ist doch lächerlich. Der grösste Versicherer, AIG, welcher bislang 170 Milliarden Dollar vom Staat erhalten hat, begründet sein Scheitern mit Softwareproblemen. Anstatt persönlich Verantwortung zu übernehmen, wird die Verantwortung für Misswirtschaft und Versagen abstrakten Systemen zugewiesen. Eine solche Haltung bedeutet das Ende der Marktwirtschaft. Junge New Yorker Investmentbanker haben mir noch vor einigen Wochen erklärt, dass die ganze Krise systembedingt sei. “Wir müssen möglichst schnell den Profit erzielen, den Bonus einkassieren und abhauen.” Wenn das nun vorbei ist, möglichst für lange, umso besser. Gefragt ist jetzt “less as more”.
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